
In den langen Winternächten gehen nach alter Volksmeinung allerlei Geister um. Weitverbreitet und tief verwurzelt war vor allem der Glaube an die Perchten. Percht ? Perchta hat zweierlei Geschlecht, die gute Frau Perchta, die gleichzusetzen war mit Frau Holle, und der böse (schiache) Percht. Der Ursprung des Perchtenkultes dürfte im germanischen Bereich zu suchen sein; dieser kannte zuerst das Mutterrecht mit weiblichen Gottheiten, wie die Erdgöttin, Nerthus usw. Durch die Indogermanen kam es zu einem Zusammenprall zweier geistiger Welten: der männliche gewann die Oberhand, und forthin nahmen viele bisher weibliche Gottheiten Zweigeschlechtigkeit an. In diese Gruppe zweigeschlechtiger Personifizierungen dürften auch die Perchten fallen.
Nach der Anschauung unserer Vorfahren war Frau Perchta ein dämonisches Wesen, halb Gottheit, halb Mensch, das in zweifacher Gestalt erschien. Einmal sprach man von ihr als von einer holden Lichtgestalt, die, Menschen und Tiere segnend, durch das Land schreitet, dann wieder erkannte man in ihr einen hässlichen Dämon, der mit Verderben und Unglück über die Menschen hereinbrach, der das Vieh erkranken ließ und der die Ernte vernichtete. Der Volksmund weiß diesbezüglich manches zu berichten.
Um den Unholden in den Rauhnächten wirksam entgegentreten zu können, hüllte man sich seit altersher in grauenvolle, furchterregende Masken. Auf diese Weise glaubte man, sie vertreiben zu können. Jahrhunderte hindurch wurden in den Salzburger Gebirgstälern während der Rauhnächte Perchtenläufe durchgeführt. In Rauris fand ein solcher 1850, in St. Johann im Pongau 1867 letztmalig statt. In St. Johann lebte er später wieder auf, nur in Gastein, in Altenmarkt und in St. Johann hat er sich bis in die Gegenwart erhalten, und in der Gastein wurde er trotz verschiedener Proteste sogar 1940 und 1944, also mitten im Krieg abgehalten. Die Gasteiner Perchtenläufe werden alle vier Jahre, in der Regel am Dreikönigstag, durchgeführt.
Im Zusammenhang mit den Perchten spricht man immer wieder vom Perchtenlauf, es ist aber eigentlich gar kein Lauf, sondern mehr ein würdevoller Zug durch die Straßen, denn die oft bis 50 Kilogramm schweren und bis 2,20 Meter hohen Kappen, noch dazu acht bis zehn Stunden auf dem Kopf getragen, erlauben nur eine gemessene Bewegung.
Schon von weitem hört man den näher kommenden Zug, an dem neuerdings meistens 80 bis 140 Perchten teilnehmen. Zum Unterschied von früher und gegenüber anderen Rauhnachtsbräuchen findet nunmehr der Gasteiner Perchtenlauf bei Tage, etwa zwischen 9 und 18 Uhr statt. Die Spitze macht der Vorreiter, dann folgen Tafelperchten mit ihren großen, mit allerlei Flitter, Tandwerk, Spiegeln und Bändern bunt geschmückten Kappen, die vom uniformierten Perchtenhauptmann geführt werden. Unter den Tafelkappen sieht man auch mehrere Jagdkappen, die mit allerlei ausgestopftem Getier, Tannengrün und aufgebundenen Ästen geziert sind, ein Zeichen, dass die Träger das Weidwerk achten. Am auffälligsten unter den Tafelperchten ist die "Schiache Jagdpercht", die auf ihrer Kappe tote Mäuse, Ratten und noch vielerlei anderes Ungetier trägt; sie soll die Bauern ermahnen, noch vor dem Frühling die Ställe und Scheunen von Ungeziefer und Mist zu reinigen. Nach ihnen folgt noch eine große Schar von Begleitern. Da ist zunächst ein lustiger Schneider, der sich mit einer langen Karnevalsschere im Rücken der Zuschauer anpirscht, um ihnen mit einem schnell Schwups den Hut vom Kopf zu reißen und ihn zum Ärger des unachtsamen Besitzers auf einen hohen Telegraphenmasten oder einen Baum zu setzen. Die interessanteste Figur ist zweifellos der so genannte "Bamwercha", ein ganz in Baumflechten eingehüllter Mann. Sowie der Zug vor einem Haus Halt macht, um den Bewohnern mit seinem Spiel, dem Tanz und der darauf folgenden Verneigung (Reverenz) die Ehre zu erweisen, klettert der "Bamwercha" mit ungemeiner Behendigkeit entlang der Dachrinne bis zum Giebel des Hauses. Von hinten haben sich inzwischen schon der Rauchfangkehrer und die Hexe auf das Hausdach geturnt und beginnen nun von oben mit langen Besen die nichts ahnenden Zuschauer mit Schnee anzukehren. Viele Teufelsgestalten mit wild verzerrten Fratzenköpfen und gewaltigen Hörnern geben dem ganzen Zug ein schaurig-schönes Gepräge. Zu erwähnen wären auch noch die Gestalten des Richters, des Mohren und des Türken, die von ihren "Gemahlinnen" ? ebenfalls verkleideten Burschen ? begleitet werden; sie stellen eine volkskundlich gesehen jüngere Nachbildung der Heiligen Drei Könige dar. Unter den Nachzüglern gefallen besonders der Ölträger und der Quacksalber, die auch heute noch so auftreten, wie sie von Eysn 1910 beschrieben wurden. Natürlich fehlt auch der Hanswurst nicht. Weitere Figuren sind der Schleifer, der Rastelbinder, die Zigeunerin, die Schnabelperchten, der Wurzelgräber, das Körblweibl und der Wilderer. Ziemlich am Schluss folgt die Figur der Glockenpercht mit einem Gestell voll Kuhglocken; den Schluss macht der Bärentreiber mit seinem zottigen Bären. Die beiden haben die Aufgabe, die vielen nachströmenden Zuschauer aufzuhalten. Immer wieder kommt es in den Straßen zu lustigen Szenen. Mädchen werden eingefangen und vor den Richter geführt, oder an Ort und Stelle mit einem zerfransten Hexenbesen "säuberlich" abgekehrt; der Jäger fängt den Wildschützen, es kommt zu einem kurzen Handgemenge, Jäger, Wildschütz und sogar oft Zuschauer wälzen sich als bunter Knäuel im glitzernden Schnee...

Zahlreiche Zuschauer folgen jeweils dem langen Zug, der überall mit großer Freude aufgenommen wird, denn er verheißt nach altem Volksglauben ein fruchtbares, erfolgreiches und segensreiches neues Jahr. Stundenlang sind die Perchten unterwegs, mühsam ist für sie der lange Weg, aber mit größtem Eifer halten sie an der Tradition fest.